Der Stern, der Zeit machte

Sirius, die Hundstage und die älteste Uhr der Antike

 

Irgendwann zwischen dem 23. Juli und dem 23. August erscheint am frühen Morgenhimmel ein Stern, der heller leuchtet als alle anderen: Sirius. Den meisten ist er kaum bekannt, dabei hat er jahrtausendelang die Zeit gemessen, Ernten gerettet und ganze Kulturen strukturiert. Es sind die Hundstage, die «dies caniculares» der Römer, und sie tragen seinen Namen.

Der Stern Sirius als Göttin dargestellt. Das Bild stammt aus dem Grab von Sethos I. ©Ägyptisches Museum

Für die alten Ägypter war Sirius der wichtigste Stern am Himmel. Er war wichtiger noch als die Sonne selbst. Sie nannten ihn Sothis und verehrten ihn bzw. sie als göttliche Verklärung der Isis. Sie wurde dazu auch als Schutz- und Himmelsgöttin verehrt. Doch ihre Begeisterung war nicht nur religiöser Natur: Sirius war ihr Kalender.

Wenn der Stern nach rund 70 Tagen Unsichtbarkeit erstmals wieder am Morgenhimmel erschien – ein Phänomen, das Astronomen den heliakischen Frühaufgang nennen –, kündigte er unfehlbar die Nilflut an. Diese Flut war keine Katastrophe, sondern das Geschenk des Lebens: Sie brachte den fruchtbaren Nilschlamm auf die Felder, ohne den Ägypten nicht hätte existieren können. Der Aufgang des Sirius markierte daher den Beginn des ägyptischen Neujahrs und wurde zu einem der präzisesten astronomischen Zeitmessgeräte der Alten Welt.

Etwa um 3200 v. Chr., in der Frühgeschichte Ägyptens, fielen heliakischer Aufgang, Nilflut und Sommersonnenwende tatsächlich noch zusammen. Erst die langsame Verschiebung der Erdachse trennte sie im Laufe der Jahrtausende voneinander. Die Ägypter erkannten dabei etwas Erstaunliches: Sirius’ Zyklus dauerte exakt 365,25 Tage – was dem tropischen Jahr (Sonnenjahr: die Zeitspanne, die die Erde für eine vollständige Umrundung der Sonne benötigt) sehr nahekommt. Diese Entdeckung legte den Grundstein für den späteren Julianischen Kalender.

Der Grosse Hund und die Hitze Roms

Die Griechen kannten Sirius als den hellsten Stern im Sternbild des Grossen Hundes (Canis Major) und sahen in ihm den treuen Jagdhund des Orion. In der Mythologie hütete Sirius (griechisch: Σείριος, «der Gleissende») die Herden des Urgebirgsgottes Aristaios, der nach dem Dichter Hesiod als erster der Menschheit Opfer für diesen gefürchteten Stern darbrachte, um die sengende Sommerhitze abzuwenden.

Die Römer übernahmen den Glauben und so wurde es zur Volksweisheit. Die «dies caniculares», die Hundstage, galten als unheimliche, fiebrige Zeit. Man glaubte, die Hitze des Sterns verstärke jene der Sonne. Die Kinder wurden krank, Hunde tollwütig, Wein schlug um und die Meere wurden gefährlich. Kein Vorhaben sollte in dieser Zeit begonnen werden. Der römische Dichter Vergil warnte: «Sirius brennt über den Feldern.» Aus diesem Aberglauben wurde Volksmedizin, und aus der Volksmedizin schliesslich feste Kalendertradition: Die Hundstage überlebten das Römische Reich und lebten in europäischer Folklore weiter bis in unsere Gegenwart.

Diana, der Jagdhund und die Pendule

Was hat das nun mit einer Pendule zu tun? Mehr, als man zunächst denkt.

Die Jagdgöttin Diana ( griechisch:Artemis) ist eine der häufigsten mythologischen Figuren auf Pendulen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Mit Köcher, Bogen und Jagdhund dargestellt, thront sie auf Bronzesockeln oder bekrönt die vergoldeten Gehäuse von Kaminuhren. Und da ihr in der antiken Tradition der Hund des Orion – der strahlende Sirius selbst – zugeordnet wurde, trägt jede Diana-Pendule gewissermassen auch den Stern der Hundstage in sich.

Diana ist aber mehr als nur Jagdgöttin: Als Göttin des Mondes (Luna) herrschte sie über die nächtliche Zeitmessung, die der solaren Zeit der Sonne entgegenstand. Sonne und Mond, Tag und Nacht, Sommer und Winter – die antike Welt ordnete Zeit stets in Gegensatzpaaren. Und die Pendule, die Diana zeigt, ruft diese Ordnung still in Erinnerung: Auf ihrem Zifferblatt dreht sich der Zeiger, auf ihrer Figur steht die Göttin, die einst selbst die Zeit des Himmels las.

Wo immer eine Figur mit Bogen und Hund auftaucht, lohnt es sich, einen zweiten Blick zu werfen: Hinter der eleganten Bronzegestalt steckt eine jahrtausendalte Geschichte – die Geschichte eines Sterns, der die Zeit erfand, noch bevor es Uhren gab.

Vielleicht ist das der schönste Gedanke: Sirius mass Zeit, lange bevor Zahnräder und Pendel sie regelten. Die Uhr hat ihn ersetzt. Aber in den schimmernden Figuren auf den Pendulen lebt er weiter und dies jeden Juli, wenn die Hundstage beginnen und der hellste Stern wieder am Morgenhimmel erscheint.

Literatur

  • Gautschy, Rita: Der Stern Sirius im Alten Ägypten. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde, Bd. 138, S. 1–10. Berlin 2011.
  • Hannah, Robert: Greek and Roman Calendars. Constructions of Time in the Classical World. Duckworth, London 2005. ISBN 978-0-7156-3301-4.
  • Hunger, Herbert; Harrauer, Christine: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Verlag Brüder Hollinek, Wien 2006 (9. Aufl.). ISBN 978-3-85119-230-8.
  • Schaldach, Karlheinz: Römische Sonnenuhren. Eine Einführung in die antike Gnomonik. Harri Deutsch, Frankfurt 2001. ISBN 978-3-8171-1649-7.
  • Hundstage. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Hundstage (abgerufen am 26. Juni 2026).
  • Sothis-Zyklus. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Sothis-Zyklus (abgerufen am 26. Juni 2026).